| Indische Impressionen. A wie Armut. |
|
|
Dem mitteleuropäischen Besucher öffnet Indien
eine völlig neue Dimension an möglichen Definitionen zum Thema Armut. Delhi
ist in dieser Hinsicht wohl der Hardcore-Einstieg, vermittelt ein krankes
Zerrbild menschlicher Tragödien - zwingt Indien-Neulinge oft schon nach
wenigen Stunden auf der Straße kreidebleich wieder zur Rückkehr ins
vermeintlich sichere Hotelzimmer. Immer den Blick gerade aus - nach
Möglichkeit nicht auf den Boden sehen. Man blickt in tote Augen, deformierte
Gesichter, verstümmelte Körper kriechen, robben, liegen überall. Hinter
vorgehaltener Hand wird gemunkelt, diese Leute würden nachts von der Straße
geholt, unter Drogen gesetzt, in Fabriken fachmännisch zersägt und dann
täglich als lebende Opferstöcke an touristischen Hotspots der Stadt
deponiert. Mütter in zerlumpten Saris verstecken hinter dreckigen Tüchern
Gold in Nase und Ohren, strecken einem mit einer Hand den blanken Hintern
ihrer Kleinkinder ins Gesicht (keine Unterwäsche ist gleich arm -
angenommenes westliches Denkmuster ?) während die andere in Höhe der
Geldgürtel unter verschwitzten Hemden fordernd zuckt. Die Englischkenntnisse
der Minderjährigen beschränken sich vorerst altersunabhängig und nach
Priorität geordnet auf " 10 Rupies, school-pen und schocolade " . Das formal
angehängte "please" kann je nach schauspielerischem Talent mittels Mimik und
Tonlage von weinerlich bis agressiv variieren - wobei gut kopierte
Markenkleidung und mühsam unterdrücktes Lachen der fast spielerisch
vorgetragenen Bettelshow keinen Abbruch tut . Wem gibt man was - und wenn,
wieviel ? Dieses Dilemma löst kein Tip im Travelguide, kein gutgemeinter Rat
eines Reisebegleiters, auch kein großzügiges Spenderherz (dazu sind es
einfach zu viele) sondern jeder individuell für sich. Ist man länger in
diesem Land unterwegs trifft man auch auf Kinder, die wie in Pushka
reihenweise in dünne Decken gewickelt unter freiem Himmel schlafen und dir -
von deinen zu lauten Schritten halbwach und übers ganze Gesicht lächelnd -
im Chor ein fröhliches GoodNight auf den Weg ins warme, saubere und
gemütliche Gästehaus mitgeben. Ich freue und schäme mich zugleich. Gerhard Riemer, Bregenz Impressionen von unserer Reise 2005 "Zum Pushkarfest nach Indien" |