Indische Impressionen. B wie Business.

 

 

 

 

Beispiele, die mir den Unterschied zwischen europäischem und indischen Businessverständnis mehr als augenscheinlich demonstrieren.
Nummer eins - Vagatorbeach in Nordgoa am frühen Vormittag. Fotoshooting für eine deutsche Modezeitschrift. Ein Kameramann, der über veraltetes Equipment flucht. Sein Assistent, der sich mit einem riesigen Antisonnensegel im Nacken in der steifen Brise vom Meer verzweifelt gegen einen unfreiwilligen Parasailingflug wehrt. Ein Fashionberater im lila Outfit, der unter schnalzenden Kommentaren umstehender Inder stetig was in Brusthöhe des Models zu fingern hat, obwohl es da nicht viel zu verstecken gibt. Viel zu fingern hat auch die Stylistin - immer ist eine Haarsträhne nicht dort wo sie sein soll, glänzt die Nase statt den Augen und es gibt wieder was zu pudern. Die Aufraggeberin selbst mit Notizblock bewaffnet und in steter Diskussion mit dem Lilamann liebäugelt mit Hundebaby vom Strandcafe als Dekoidee. Ein Helfer, der wegen der Schlepperei schon leicht überhitzt seinen Kleiderständer samt diverser (ich habe im Ausverkauf schon bessere gesehen) 0815-Klamotten zum wiederholten Male demonstrativ vehement in dern Sand setzt. Das Model selbst, extra aus den Staaten eingeflogen wirkt groß, knochig und in allen Belangen blasser als die indische Strandverkäuferin, die ihr unter stetigem Anpreisen ihrer Ware auf dem Fuße folgt, jedoch klugerweise nie direkt behindernd im Weg steht. Nach zwei Stunden hat das Team selbst zwar theoretisch erste brauchbare Abzüge, aber praktisch weder den Katalog fertig noch den Verkauf der darin befindlichen Ware unter Dach und Fach. Das bunte Indermädel hingegen jubelt durch sanft nervende Präsenz dem Team in dieser Zeit mehrere Tücher, Halsketten, Armbänder, Fußkettchen plus einem Wandbehang zum sehr überhöhten Ausrufpreis unter - DAS nenne ich Business !
Nummer zwei - Kamelmarkt in Pushka, halb sieben zum Sonnenaufgang. Ein englisches Kamerateam sperrt den Bereich um einen Riesenhaufen Kamelfutter samt archaischer Steinwaage für chillige Ansichten von eigens herbeigekarrten klobigen schwarzen Designermöbeln. Diese werden minütlich abgestaubt und kontrastieren im Morgenlicht fast bedrohlich mit den warmen Erdfarben der sie umgebenden Wüstenlandschaft. Neugierige Nomaden, hungrige Kamele und mehr amüsiertes als interessiertes Volk dabei im richtigen Moment aus Gegenlicht und Panoramabild zu halten läßt die Männer hinter den Stativen irgendwann fast Amok laufen - sehr zur Erheiterung der Umstehenden. Ein paar Meter weiter liegen zerfetzte, verschlissene Ledersandalen auf dem Boden. Mit Neugier folge ich dieser wohldurchdacht gelegten Spur der Vergänglichkeit und lande in einem offenen Holzschuppen, wo ein Schuster vor einer rauchenden, teeetrinkenden und barfüßigen Menge wartender Kundschaft im Akkord neue Fußbekleidung schneidert. Er tut das im lautstarken Gespräch mit vielen Bekannten und in profesionell rasanter Weise, was sowohl neuangekommenem Karawanenvolk als auch mir in punkto Werbung und fachliche Ausführung klar verdeutlicht, wo und wie man hier nach langer Wanderschaft ruckzuck und günstig zu neuen Tretern kommt. DAS nenne ich kostensparende Promotion und zielgerichtete Verkaufsstrategie !
Überhaupt fällt auf, das man in Indien auch an niederste Arbeiten mit großem Ideenreichtum und begeisterndem Einsatz herangeht . Ein Verkäufer hat immer was für irgendwen zu tun, tut es für jedermann ersichtlich gerne - und ist sonst keiner im Laden, werden auch mal rasch geringfügige aber sichtbare Änderungen an der typisch eigenwilligen Warenpräsentation vorgenommen. Welch ein Unterschied zu hier, wo mir bei der Rückreise bereits die Bedienung im Flughafenrestaurant Frankfurt mit saurer Miene, lieblos auf den Tisch geknallten Gläsern und einer fast militant forschen Abkassiermethode klar zu verstehen gibt, dass ihr wahrscheinlich nicht nur heute Gäste mit Urlaubsbräune, ihre Arbeit und das Thema Business im Allgemeinen wieder mal extrem am Allerwertesten vorbeigehen.

Gerhard Riemer, Bregenz
Impressionen von unserer Reise 2005 "Zum Pushkarfest nach Indien"

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