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Hannas Bericht über einen Besuch
bei den letzten Buschmännern Tansanias
(2005 mit einheimisvcher Begleitung, Reiseorganisation Inge Sohm)
Um sechs Uhr früh holt uns
unser Guide und Fahrer Hamisi von unserem Guesthouse in Karatu ab. Er meint,
wir müssen früh losfahren, damit wir die Buschleute noch erwischen, bevor
sie auf Jagd gehen. Das Dorf schläft noch, es ist dunkel und fast ungewohnt
ruhig. Nach ca. zwei Stunden auf staubigen Rumpelpisten erreichen wir ein
kleines Dorf. Wie im wilden Westen mit Holzbarracken und grauer, staubiger
Erde sieht es dort aus, doch anscheinend wachsen hier die besten Zwiebeln
des Landes, die sogar bis nach Arusha geliefert werden. Dass LKWs diese von
hier aus wegtransportieren können und nicht in den Schlaglöchern der roten
Staubstraßen stecken bleiben, können wir fast nicht glauben.
Wir treffen einen Guide des
Cultural Tourism Programs. Er kauft Tabak als Gastgeschenk. Vom Dorf aus
fahren wir noch mal ca. 20min in den dichten Busch. Der Guide weiß, wo sich
die Hadzabe ungefähr aufhalten. Ohne ihn würden wir die Buschleute niemals
finden in dieser Landschaft – auch, weil die Hadzabe wegrennen, wenn sie
unbekannte Personen in der Ferne wahrnehmen, meint der Guide. Vom
Hadzabe-Stamm gibt es in Tanzania noch ungefähr 600 Personen. Einige davon
haben sich dem Tourismus geöffnet und heißen BesucherInnen willkommen,
andere nicht. Das Geld, das wir TouristInnen zahlen, kommt direkt der
Dorfgemeinschaft zugute und wird für Lebensmittel, neue Kleidung oder Messer
und Tabak verwendet.
Ob wir uns an den Film „Die
Götter müssen verrückt sein“ aus den 1980ern erinnern, fragt uns unser
Guide. So ähnlich könnten wir uns die Hadzabe nämlich vorstellen. Wir sind
gespannt und voller Vorfreude.
Wir verlassen das Auto. Die
Landschaft ist karg und trocken – jetzt ist Trockenzeit – und trotzdem
wunderschön. Es scheint uns allerdings unglaublich, dass Menschen hier
überleben können. Ein Fluss, den wir passieren, ist ausgetrocknet, die
meisten der Bäume und Sträucher tragen keine Blätter. Die Erde ist durch die
Hitze und Trockenheit aufgerissen und überzieht die Oberfläche mit
eindrucksvollen Mustern.
Plötzlich – hinter einem
Busch – treffen wir auf die Hadzabe-Bushmen. Zurückhaltend, aber freundlich
werden wir begrüßt. Im ersten Moment wissen wir nicht recht, wie wir uns
verhalten sollen. Wir sehen uns um. Wir befinden uns auf einer kleinen
Lichtung, ein großer Baum, der Schatten spendet. An einem Strauch hängen
Felle und Geweihe von Tieren. Trophäen der Jagd, wie man uns erklärt. Frauen
und Männer sitzen ca. 15m voneinander entfernt. Der Guide beginnt den Tabak
zu verteilen. Zuerst gibt er den ca. sechs Frauen je eine Handvoll in den
Schoß, ganz gierig sind sie danach. Den Rest überreicht er einem der Männer,
dem Stammesoberhaupt, wie er uns mitteilt. Häuser oder Hütten gibt es keine.
Die Menschen schlafen tatsächlich im Busch bzw. unter Büschen. Auch sonst
besitzen sie wenig: Die Kleidung, die sie am Körper tragen, Pfeil und Bogen,
Messer für die Jagd, einen Topf zum Kochen. Und Tabak sowie Marihuana. Das
Rauchen ist hier Tradition, schon Kleinkinder kiffen, dass es uns die
Sprache verschlägt.
Die Männer – ca. 20 –
sitzen beisammen und unterhalten sich, einige schnitzen an Pfeilen. Zwei von
ihnen beginnen, ein Feuer zu machen. Ein kleines Holzstücken wird auf ein
Messer gelegt, mit einem Ast wird so schnell gedreht bis sich in einer
kleinen Mulde ein Funke bildet, der dann als Anzünder verwendet wird.
Zündhölzer werden nicht gebraucht. Wir dürfen auch probieren und fühlen uns
gleich als unbeholfene Städter. Sympathisches Kichern.
Wir werden gefragt, ob wir
mit auf Jagd gehen wollen. Natürlich! Die Männer sind bei den Hadzabe für
das Jagen zuständig. Tiere, wie Ziegen oder Rinder, werden nicht gehalten.
Die Frauen sind für das Sammeln von Wurzeln und Früchten verantwortlich, was
besonders in der Trockenzeit ein schwieriges Unterfangen ist.
Mit sechs Kindern und
Jugendlichen machen wir uns auf den Weg. Die afrikanische Sonne beginnt
langsam die Gegend aufzuheizen. Wir laufen durchs Dickicht – das Ducken vor
zurückschnellenden Ästen ist für sie kein Problem. Mit einer Leichtigkeit
bewegen sie sich zwischen Büschen und Gräsern hindurch, dass unser Gehen
fast beschwerlich wirkt. Wir müssen schmunzeln.
Plötzlich hält einige Meter
weiter der Erste von ihnen ein erlegtes Tier in die Höhe, um es uns zu
zeigen. Ein kleiner Vogel, einer Amsel gleich. In den Ästen gehört oder
gesehen haben wir den Vogel mit unseren ungeübten Augen nicht. Der Vogel
wird unter den Gürtel geklemmt und weiter geht die Jagd. Vorbei an
riesengroßen Baobabs – die wie es scheint schon seit Jahrhunderten hier
stehen – erreichen wir ein kleines, rundes Gebüsch-Wirrwarr, in dem sich
anscheinend ein Eichhörnchen versteckt hat. Leise setzen wir uns hin und
beobachten die Vorgänge voller Staunen. Die Gruppe stellt sich im Kreis auf
und wirft mittelgroße Äste ins Gebüsch, um das Tier aufzuscheuchen und in
die Enge zu treiben. Mit für uns undefinierbaren Lauten („Klick-Klack“-Sprache)
werden das Eichhörnchen verängstigt und gleichzeitig die mitgenommenen Hunde
angewiesen. Auch sie sind geübte (Hilfs-)Jäger und wissen anscheinend
jederzeit was zu tun ist. Doch leider verfehlen die Pfeile das Tier und nach
einer halben Stunde wird aufgegeben. Man ist eben nicht immer erfolgreich.
Wir gehen weiter. Plötzlich die nächste Trophäe: einer der Jüngsten hat eine
Art Rebhuhn erlegt, ein anderer einen weiteren Vogel. Die Wahrnehmung der
Tiere auch in weiter Ferne und die Präzision, mit welcher sie über einige
Meter hinweg einen kleinen Vogel mit Pfeil und Bogen erlegen können, sind
unfassbar.
Nun ist es Zeit fürs Essen.
Kleintiere werden von den Jägern noch im Busch verspeist, nur größere Tiere
wie Antilopen oder Büffel müssen mit der ganzen Dorfgemeinschaft geteilt
werden. Aus diesem Grund leiden die Frauen besonders in der Trockenzeit,
wenn wenig Früchte zu finden sind, an Hunger, weil sie warten müssen, bis
einer der Männer ein größeres Tier erlegt. Eine doch irgendwie schockierende
Nachricht.
Mit getrocknetem Tiermist
und kleinen Ästen wird ein Feuer gemacht und die gerupften Vögel direkt
hinein gelegt. Nach kurzer Grillzeit machen sich alle mit Freude über das
Fleisch her – teilweise ist es noch blutig. Von einem durchgebratenen
Bruststück wird uns ein kleines Stück angeboten. Zögernd probieren wir, es
schmeckt wie Hühnerfleisch. Nach dem Essen wird geraucht, einerseits von uns
mitgebrachte Zigaretten, andererseits Joints. Auch die 7-8jährigen Kinder
kiffen, das ist nichts Besonderes. Unser Guide fragt uns, ob wir Interesse
haben, eine Kette oder einen Pfeil zu kaufen, was wir gerne tun. Die zwei
Jüngsten machen diesmal ein Geschäft – wir erstehen eine Kette aus den
Stacheln des Stachelschweins und einen Pfeil, mit dem ein Vogel erlegt
wurde.
Danach machen wir uns
wieder auf zu unserem Ausgangspunkt. Nach einem letzten Schluck aus unserer
mitgebrachten Wasserflasche schenken wir den restlichen Liter her, ganz
gierig stürzen sich die Jungs drauf. Das einzige Wasser, das hier in der
Nähe zu bekommen ist, wird aus einigen Metern Tiefe heraufgeholt und
schmeckt sehr erdig. „Reines“ Wasser aus der Flasche ist eine mehr als
willkommene Seltenheit.
Zurück bei der Lichtung
sehen wir uns ein letztes Mal um und verabschieden uns dann. Viele Eindrücke
schwirren im Kopf herum, die auch viele Tage später immer wieder aufblitzen
und uns interessante Gespräche bringen über Menschen, die fernab jeglicher
Zivilisation im Einklang mit der Natur leben. So verrückt sind die Götter
wohl doch nicht. Es war ein wunderschöner Tag!
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