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Sonnhildes Tagebuch
Samstag, 18.1.
Heinz’ 60.Geburtstag und – wie sich in Casablanca herausstellt - auch
Elisabeth’s 60. Geburtstag.
Heinz und ich treffen uns in Zürich am Flughafen mit Inge Sohm und finden
einander gleich sympathisch. Nun
kann ich mich so richtig auf die Reise freuen.
Wir haben einen
wunderschönen Flug über die Alpen und die Pyrenäen. Besonders interessant
erscheint mir der Abbruch der Sierra Nevada – nur ein schmaler
Küstenstreifen und schon das Meer. Die Straße von Gibraltar ist nur
teilweise sichtbar, Wolkenfetzen ziehen gerade darüber hinweg.
Und dann sehe ich zum
ersten Mal Afrika.: Gebirge, Staudämme und Flüsse, die in Mäandern nach
Westen zum Meer fließen. Felder und Bauernhöfe, die von weißen Mauern
umgeben sind, sind gut sichtbar.
In Casablanca haben wir eine Zwischenlandung und treffen die restlichen 6
Teilnehmerinnen. Helga und Hildegard sind von Wien über Mailand gekommen;
Irmgard, Elisabeth, Franziska und Monika haben schon einen langen Tag hinter
sich: sie waren zeitig am Morgen mit einem ungeheizten Shuttlebus von
Innsbruck nach München gefahren, um via Frankfurt nach Casablanca zu
fliegen. Hier sehen wir uns das erste Mal und lassen die Geburtstagskinder
hochleben. Irmgard und Monika stimmen immer wieder neue Lieder an. Das wird
ja eine sangesfreudige Runde werden, was sich im nachhinein gesehen auch
bewahrheitet.
Gemeinsamer Weiterflug nach Marrakesch, wo wir am Abend ankommen. Mahjoub
und Mohammed holen uns mit zwei Landrovern ab. Mahjoub, der Wüstensohn,
trägt ein langes Überkleid und einen Turban um den Kopf geschlungen, während
Mohammed auf moderne Art gekleidet ist. Ich bin gespannt, wie Mahjoub in
seinem Gewand wohl auf den Landrover klettern wird – nun, er schürzt es, so
wie wir es ja auch mit langen Röcken tun und es scheint total
selbstverständlich... So gelangt also unser Gepäck auf die Landrover.
Die beiden Männer
bringen uns nach Marrakesch ins Hotel, ganz in der Nähe des großen Platzes
Djemaa El Fnaa gelegen. Das Hotel hat einen wunderschönen orientalischen
Innenhof. Unser Zimmer ist bis in 2 Meter Höhe verfliest und eiskalt; das
Klo ist am Gang – Zeit für mich, mich an andere Verhältnisse zu gewöhnen.
Wir machen einen
Spaziergang über den Platz Djemaa El Fnaa. Bummeln an Ständen mit
aufgestapelten Orangen vorbei (diese bieten auch Saft an, aber es ist zu
kalt, um einen zu trinken), flanieren an Ständen mit Nüssen, Datteln und
Feigen vorbei und begeben uns in die Mitte des Platzes, wo sich die
Garküchen befinden. Wir essen an einem Stand, bei dem es großes Gedränge
gibt, was auf die Qualität des Gebotenen schließen lässt, Fisch, Melanzani,
Paradeissauce und Brot. Wir trinken an einem anderen Stand heißen Ingwertee,
der sicher auch eine Verdauungshilfe ist, und empfinden ihn sehr wohltuend.
Elisabeth und Irmgard haben sich mit einer Kichererbsensuppe gesättigt.
Wir
bummeln weiter, kommen zu den ....lern und Amuletterzeugern. Ich sehe einen
Blinden mit Stock und einer daran befestigten Glocke, um auf sich aufmerksam
zu machen; es begegnen uns bettelnde Kinder und Frauen und an diesen Anblick
muß ich mich erst gewöhnen. Im Islam gehören bettelnde Menschen zum
Straßenbild und jeder ist aufgefordert, seinen Beitrag zum Unterhalt dieser
Menschen zu leisten.
Frauen hocken auf dem Platz und bemalen Hände mit Henna. Immer wieder komme
ich an von Menschen gebildeten Kreisen vorbei und schaue über die Schultern
der Leute, was dargeboten wird. Manche musizieren, andere erzählen etwas. Es
wird uns sehr kalt, obwohl wir warm angezogen sind. So kehren wir ins Hotel
zurück.
Sonntag, 19.1.
Wir
frühstücken in einem kleinen Buffet gleich um die Ecke des Hotels bei einem
freundlichen Mann Milchkaffee und Blätterteigkipferl.
Danach spazieren
wir durch den nahen Souk. Es gibt wunderschöne Stände mit Gewürzen, Oliven,
mit Schuhen und Taschen, bunten Kleidern und Tüchern, Antiquitäten und
Teppichen. Natürlich werden wir fündig und kaufen Mitbringsel für unsere
Lieben, denn wer weiß, ob wir später noch etwas Gleichwertiges finden; wenn
nicht, würde uns das dann leid tun.
Wir
kommen an einer Nähstube vorbei, wo Männer und Burschen im „Schneidersitz“
hocken und mit der Hand nähen.
In einem kleinen Laden gibt es wunderschöne, viereckige Handtrommeln; Monika
und Hilde kaufen dort ein.
Aus einem Keller duftet es nach Brot und beim näheren Hinsehen entdecken wir
einen Bäcker, der aber kein Brot verkauft, sondern „nur“ die von den Frauen
in der Nachbarschaft gefertigten Teiglinge bäckt.
In einem kleinen
Laden sitzt ein Drechsler, der wie in alten Zeiten das Rundholz mit einem
Bogen dreht und mit Hilfe seines Fußes und der Hand das Messer hält und
führt.
Inge
ist uns bei unseren Einkäufen behilflich und handelt die Preise herunter,
wie es im Orient üblich ist und auch erwartet wird. Am frühen Nachmittag
verlassen wir Marrakesch in Richtung Hoher Atlas.
In
einem Dorf im Gebirge essen wir unsere erste Tajine. Hier treffen wir auch
Lahcen. Er ist ein Bekannter von Inge Sohm, mit dem sie Maultiertrekkings
organisiert. Er ist der Leiter einer Cooperative, die ua Kinderschuhe
sammelt. Er setzt sich auch dafür ein, daß die Berbersprache in Schulen
unterrichtet wird; wie erfolgreich er dabei ist, weiß ich nicht.
Er lädt uns in seinen mit Teppichen ausgelegten Gästeraum zum Tee ein. Seine
drei Töchter sind dabei; die beiden jüngeren kuscheln sich lachend zu Inge;
die ältere, die bald heiraten wird, sitzt bei ihrem Vater. Auch hier ist es
ziemlich kalt, Lahcen legt uns eine Decke, die seine älteste Tochter mit 4
Frauen gewebt hat, über die Füße. Sie ist in wunderschönen Naturfarben
gefertigt und wir konnten sie erwerben. Sie liegt jetzt als Bettüberwurf in
unserem Schlafzimmer und hat uns in den kalten Winternächten nach der Wüste
schon oft gewärmt.
Später fahren wir
zu Lahcen’s Mineraliengeschäft, das etwas weiter südlich in einer Kehre der
Passstrasse liegt. Hier gibt es tolle Steine, denn Lahcen ist auch
Mineraliensammler und Helga ersteht eine wunderschöne rote Druse .
Mahjoub stapft hier zum ersten mal in seinem Leben durch Schnee.
Es ist bereits Nacht, als wir bei Vollmond die vielen Kehren auf den 2260 m
hohen Paß Tizi-n-Tichka hinauffahren. Wir sehen zwei Hasen, die über die
Straße laufen und von Heinz als „Atlashasen“ bezeichnet werden. Wir zweigen
von der Hauptstraße ab und erreichen nach 22 km unser Nachtquartier in
Telouet. Das Hotel ist in einem kasbah-ähnlichen Stil erbaut, von der Kälte
her erinnert es mich an eine mittelalterliche Burg, aber wozu haben wir
Schlafsäcke mit? Heraus damit, die Mützen aufgesetzt und gleich wird es
wärmer!
Vorher aber hat uns eine köstliche Tajine gestärkt, wir haben uns bereits an
einem kleinen Öferl gewärmt und den Liedern der Einheimischen gelauscht –
und diese unseren.
Montag, 20.1.
Ein
wunderschöner sonniger Tag bricht an. Von der Terrasse des Hotels bietet
sich uns ein wunderbarer blick auf das Dorf und die aus Stampflehm erbaute
Kasbah von Telouet. Wir befinden uns auf 1800 m Höhe.
Nach dem Frühstück in der Sonne vor dem Restaurant spazieren wir zur Kasbah.
BettelndeKinder umgeben uns und erst ein kräftiges „Safi! Safi!“ befreit uns
von ihnen. Eigentlich würden wir ihnen gerne etwas geben, aber das würde sie
erst recht zum Betteln animieren. Wir kommen am alten Teil der Kasbah
vorbei, es stehen nur noch einzelne Mauern und Säulen. Dann erreichen wir
den neuern Teil, der bis 1956 von Thami el Glaoui, einem Feudalherrn aus
einem Berberclan, bewohnt worden war. Im Empfangssaal kann man noch etwas
von der früheren Pracht erahnen: eiserne Türriegel sind mit Silberdraht
eingelegt, die hohen Flügeltüren mit geschnitzten und bemalten geometrischen
Ornamenten verziert. Die Saalwände sind mit bunten Fayence-Mosaiken belegt,
die Decke besteht aus bemaltem Zedernholz. Durch den Ausschnitt eines
verschnörkelten Fenstergitters hat man eine wunderschöne Aussicht auf die
schneebedeckten Berge, auf das Tal und das Dorf.
Später streifen wir durchs Dorf, sehen wäschewaschende Frauen und
entzückende Kinder.
In Telouet essen fünf von uns Brot, Oliven und Mandarinen, die anderen vier
– Monika, Franziska, Irmgard und Hildegard – statten der Schule einen Besuch
ab, werden vom Direktor eingeladen und genießen eine köstliche Tajine bei
interessanten Gesprächen.
Inge,
Helga, Elisabeth, Heinz und ich wandern in ein gegenüberliegendes Dorf,
trinken in einer Herberge Tee und spazieren durch Felder zurück zum Hotel,
vorbei an einem uralten Wachholder, der einen gewaltigen Umfang hat.
Nach dreistündiger flotter Fahrt erreichen Ouarzazate, nehmen
Quartier und genießen heißes Wasser zum Duschen. Wir streifen kurz durch den
Souk von Ouarzazate und treffen uns dann in einem kleinen Restaurant, um
gemeinsam Nachtmahl zu essen.
Dienstag, 21.1.
Nach einem kurzen
Spaziergang zum Kauf von Karten und Marken fahren wir Richtung Oase Fint
weiter. Mahjoub bringt uns auf einen Höhenrücken, wir schützen uns mit
Sonnencrème und Tüchern und brechen Richtung Tal auf. Bald erreichen wir
eine Gruppe arbeitender Frauen mit kleinen Kindern und werden schon zum Tee
eingeladen. Ein Glück, daß einige von uns recht gut französisch sprechen,
sodaß wir uns mit den freundlichen Menschen unterhalten können.
Hier beginnt auch die Wanderung durch das Oasental, entlang des
Bewässerungskanals. Dattelpalmen säumen den Weg, eine Frau mit einem Kind an
der Hand und einem anderen unter einem Tuch am Rücken holt uns ein und geht
ins nächste Dorf. Eine wunderbare Ruhe umgibt uns und ich fühle mich in
biblische Zeiten zurückversetzt.
Wir kommen zu einer 2-klassigen Schule, sprechen mit den Lehrern, während
die Kinder neugierig aus dem Fenster lugen. Wir dürfen in eine Klasse
hineinschauen. An der Tafel stehen französische Vokabeln, ein kleines
Mädchen sitzt zwischen zwei größeren – es hatte die Schwester begleitet und
durfte bleiben – die Kinder singen uns ein französisches Lied vor und wir
bedanken uns mit „Bruder Jakob“ auf französisch.
Auf unserer Wanderung sehen Heinz und ich zwei Steinhühner, braun-grau-weiß
gesprenkelt – gut getarnt in dieser steinigen Landschaft. Wir beobachten
Streifenhörnchen, die wie Murmeltiere den felsigen Hang hinauflaufen und auf
einem Felsen Männchen machen, als sie sich sicher wähnen. Vogelgezwitscher
begleitet uns auf dem Weg zur Oase und Heinz entdeckt die Spur eines Leguans
im Sand.
Wir durchqueren das breite, steinige, von wenig Wasser durchflossene Bett
des Fint und erreichen das etwas höher gelegene Dorf Fint. Am Dorfeingang
sitzt ein alter Mann und flicht Körbchen für Datteln; Buben umringen uns und
bieten uns aus Palmblätter geflochtene Dromedare an, um ein paar Dirham zu
verdienen, die wir ihnen gerne geben.
Im Haus des jungen Bürgermeisters sind wir zu Gast, trinken Tee und von
Mahjoub mitgebrachtes Cola. Hungrig verzehren wir die auch von Mahjoub
besorgten gefüllten Brote. Inge Sohm ist dort schon bekannt und wird sehr
freundlich empfangen, bringt sie doch ein wenig Abwechslung in diesen Ort
und eine kleine Verdienstmöglichkeit. Denn wenn man auch Gast ist, lässt man
doch auch ein wenig Geld als Gastgeschenk zurück.
In diesem Ort gibt es eine Schule und eine Krankenstation, an denen wir am
Rückweg vorbeifahren. Die Oase Fint wird von einigen Touristen angefahren,
die Wanderung durch das Tal ist aber unbekannt. Inge hat sie selbst in einer
langen Wanderung von Ouarzazate aus ausfindig gemacht.
Nun führt uns der Weg noch einmal kurz zurück Richtung
Ouarzazate und dann nach Süden ins Draatal, welches von wunderschönen und
interessanten Bergformationen begleitet wird.
Auf einem Paß stehen Buben mit einem Chamäleon und einem Leguan, sowie ein
hübsches Mädchen mit einem schwarzen Schaf – sie lassen sich bereitwillig
fotografieren, um Geld zu verdienen.
Das Draatal ist eine Flussoase, an manchen Stellen hat sie viel Wasser, an
anderen ist sie ausgetrocknet. Es wird langsam dämmrig. Kinder gehen von der
Schule nach Hause, unbeleuchtete Fuhrwerke und Radfahrer bevölkern die
Straße. Männer sitzen im letzten Abendlicht an den Hausmauern, Frauen tragen
riesige Reisigbündel und Buben spielen in Staubwolken Fußball.
In dieser Gegend ändert sich die Kleidung der Frauen. Sie tragen schwarze
Umhänge, während die Berberfrauen bunt gekleidet sind.
In Zagora warten wir zusammen, trinken Tee, manche essen Suppe. Wir kaufen
bei einem Straßenhändler Krachmandeln, die in einem Kupferkessel frisch
gerührt werden; sie sind köstlich.
Noch eine Stunde
Fahrt und wir sind in M’hamid. Es ist der letzte Ort vor der Wüste, hier
hört die asphaltierte Straße auf. Jetzt noch ein paar Fahrminuten in die
Wüste und wir erreichen Mahjoub’s und Moulud’s Nomadenzelte.
Ein paar junge Männer haben sich hier versammelt, ein offenes
Feuer brennt, wir werden mit Tee, Keksen, Datteln, Mandeln und Erdnüssen
begrüßt. Natürlich werden sogleich Lieder gesungen, es wird getrommelt und
auf der Gitarre gespielt.
Im großen Zelt gibt es ein Begrüßungsessen: Suppe, Couscous mit Fleisch und
Gemüse und einer würzigen Sauce. Wir sitzen an zwei niederen runden Tischen
auf kleinen geflochtenen Hockern. Im Zelt hängt eine Laterne mit
Kerzenlicht.
Später werden wir zu unseren Schlafzelten geführt, die Schlaflager sind
liebevoll gerichtet, auch hier hängen Laternen mit Kerzenlicht. Die vier
Zelte sind ca. 1,50 m hoch aus Lehm gemauert, das Dach ist mit
dunkelbraunen, gewebten Stoffbahnen bespannt und mit überkreuzten
Holzstangen gestützt. Der Boden ist mit verschiedenartigen Teppichen und
Decken ausgelegt, darauf liegen 5 cm hohe Schaumgummimatten mit Decken und
Leintüchern. Ich schlafe herrlich und wundere mich, daß ich ohne
Kreuzschmerzen aufwache. Außerdem bin ich äußerst verwundert, was wir an
diesem Tag alles erlebt haben. Das stärkste Erlebnis dieses Tages aber war
der Sternenhimmel, als wir in der Nach ankamen:
Eine riesige Kuppel dehnte sich vor mir, hinter mir und über mir aus,
Tausende Sterne funkelten herab und ein Gefühl der Weite und Unendlichkeit
umgab mich. Begriffe wie göttliche Allmacht, Universum, Weltall bekamen eine
tiefe Bedeutung.
Mittwoch, 22.1.
Fünf Minuten vor
Sonnenaufgang wache ich auf, wecke Heinz und gemeinsam gehen wir zu den
Dünen, um die Sonne zu begrüßen.
Die Morgentoilette ist hier schnell erledigt: Zähne putzen mit Mineralwasser
und die Augen damit ausgewischt. Ein bisschen eincrèmen und frisieren ohne
Spiegel – das Resultat sehen die anderen.
Das Frühstück in der warmen Sonne ist fein. Langsam trinke ich lieber Kaffee
als Tee, die große Zuckermenge im Tee macht mir zu schaffen.
Am Vormittag schlendern wir am „Müllplatz“ von M’hamid vorbei in den Ort.
Neugierige Blicke folgen uns, Kinder begleiten uns. Wir bewundern das neue
Büro von Mahjoub und Moulud. Hier gibt es Telefon, eine Frau arbeitet für
die beiden. Teppiche liegen auf dem Boden, zwei Sofas machen es richtig
gemütlich. An den Wänden hängen Fotos, die den Touristen zeigen sollen, was
es in der Gegend alles zu sehen gibt und wie wunderschön die Wüste ist. Die
beiden jungen Männer strahlen vor Freude, als wir unsere Bewunderung
ausdrücken.
Mahjoub’s Freund Abdullah erwartet uns in seinem kleinen Laden, wo er uns
Teppiche und Schmuck zeigt. Ein orange-roter Teppich gefällt uns so gut, daß
wir ihn erstehen. Wieder einmal vom Geburtstagsgeld, das Heinz von seiner
Mutti für ein „Bild“ bekommen hat. Nun liegt das Bild auf dem Boden im
ehemaligen Mädchenzimmer.
Ich glaube, fast jede von uns ersteht in diesem Laden etwas und mir scheint
der sympathische junge Mann hat einen Großteil seines Jahresumsatzes mit uns
gemacht.In der Mittagshitze gehen wir zu den Zelten zurück. Ein köstlicher
Salat, wunderschön garniert, erwartet uns; danach faulenzen wir in und um
die Zelte herum.
Am Abend sind wir bei der Familie Laghfiri zum Essen
eingeladen:
Mahjoub’s und Moulud’s Mutter wohnt mit ihren drei Töchtern in einem sehr
einfachen Lehmhaus in M’hamid. Sie ist seit Jahren bettlägrig, als Folge
ihres schweren, entbehrungsreichen Lebens. Ich hatte eine von Krankheit
gezeichnete Frau erwartet; wie überrascht war ich, eine fröhliche Frau mit
einem jungen Gesicht zu sehen!
Die älteste Tochter Lalia zelebriert für uns eine Teestunde. Sie ist die
eigentliche Hausfrau und die Pflegerin der Mutter. Leila, die zweite
Tochter, brach die Schule ab. Ihre Stärke liegt in manuellen Fertigkeiten.
Sie träumt von einer Nähmaschine und möchte einmal eine Boutique besitzen.
Neshar, die Jüngste, geht noch zur Schule, sie möchte Lehrerin werden und es
würde mich wundern, wenn Inge ihr nicht mit finanzieller Unterstützung ihren
Traum ermöglichte.
Im Gästezimmer, das erst vor kurzem im Hof an das Haus angebaut wurde,
bekommen wir wieder eine der köstlichen Tajines serviert. Wir gehen unter
dem herrlichen Sternenhimmel zurück zu den Zelten, wo schon wieder musiziert
wird. Aber wir sind sehr müde und gehen nach einigen Liedern schlafen.
Donnerstag, 232.1.
Heute
geht es in die Wüste.
Kamele – eigentlich Dromedare – werden von den Führern mit Essen, Decken,
Matten, Kochtöpfen, Wasser, Zelten und unseren Rucksäcken beladen. Der Rest
bleibt im „Basislager“. Wir umgehen das Dorf, kommen zu einem Brunnen mit
zwei betonierten Wassertrögen und mittels Seilrolle und Kübel wird das
Wasser heraufgeholt und die Dromedare werden getränkt.
Wir reiten oder wandern über ehemalige Felder, man sieht noch die
Einfassungen, mit denen man das Wasser halten konnte. Auf die gleiche Weise
hatte man Palmen bewässert, um einen Ertrag zu erzielen.
Hier hatten sich Nomaden niedergelassen, um auch als Dattelbauern ihr Leben
zu fristen. Mahjoub’s Eltern zB hatten sich hier ein Haus gebaut und einige
Monate im Jahre gelebt, die andere Zeit waren sie mit ihren Tieren in der
Wüste. Als aber in Ouarzazate ein Staudamm gebaut wurde, kam durch das
Draatal zu wenig Wasser bis hierher und die Bauern verloren ihre
Lebensgrundlage, sodaß sie sich einen neuen Lebensunterhalt suchen mussten.
Unzählige kleine Dattelpalmhaine erinnern an diese Zeit.
Wir kommen auch zum Haus der Familie Laghfiri. Moulud führt
uns hinein. Viele kleine Ziegen kommen aus dem Haus gelaufen, als Mouloud
die Tür öffnet; sie gehören einer Nomadenfamilie, die in der Nähe lagert.
Die Nomadenfrau holt das kleinste Schaf und lässt es uns streicheln. Sie ist
in ein feines, geblümtes Tuch gehüllt, lässt sich aber nicht fotografieren.
In einem dieser Dattelpalmhaine richten unsere Begleiter zu Mittag eine
Küche ein. Am offenen Feuer bereiten sie für uns Tee und ein Linsengericht
sowie einen herrlich bunten Salat. Im Schatten werden für uns Decken und
Matten ausgebreitet, wir dürfen einfach genießen, rasten, die Seele baumeln
lassen. Manche spazieren herum und Irmgard spielt auf der Gitarre, die sie
immer wieder für ihre Ansprüche zu stimmen versucht.
Die Dromedare hatten sich inzwischen auf ihrer Suche nach Futter ziemlich
weit von unserem Lagerplatz entfernt und es dauerte eine Weile, bis sie
herbeigeholt sind. Ziemlich unwillig lassen sie sich die Leitschnur ins Maul
geben und manches muß von zwei Treibern überlistet werden, um sich bepacken
zu lassen. Dabei geben sie die unmöglichsten Laute von sich, vom Brüllen bis
zum Gurgeln.
Am Nachmittag ändert sich die Landschaft: Dünen beginnen, Tamarisken und
wachholderähnliche Büsche wachsen aus den Dünen heraus. Um 17 h lagern wir
in einem Dünengürtel für die Nacht. Geschäftiges Treiben beginnt. Holz wird
gesammelt und Helga schleppt riesige Zweige herbei. Ein Feuer wird entfacht
und Tee gekocht, Zelte werden aufgestellt, die Decken und Schlafmatten
werden ausgebreitet. Wir stapfen auf eine höhere, nahegelegene Düne und
genießen den Sonnenuntergang. Heinz fotografiert die auf der Düne
aufgefädelt sitzenden Frauen und Monika erzählt den Witz vom Wüstenäffchen.
Ob Heinz sich betroffen fühlt? Auf jeden Fall haben wir viel zu lachen.
Unsere lieben Begleiter haben unterdessen ein köstliches
Essen gekocht, für mich ist das Zuschauen schon ein Genuss, denn es bietet
sich ein malerisches Bild: das lodernde Feuer mit einem eisernen Dreibein,
ein großer Topf, in dem Hassan von Zeit zu Zeit mit der Stirnlampe am Kopf
umrührt und dahinter der Teekessel. Auf einer Seite die musizierenden
Männer, auf der anderen Seite wir, in Decken eingehüllt. Auch Irmgard
ergreift die Gitarre und gibt ein Liedl nach dem anderen zum Besten. Alte
Schlager, so richtige Ohrwürmer, und Lieder aus meiner Jugend tauchen aus
der Vergangenheit auf und wecken alte Erinnerungen.
Mohammed, der Ziegenhirte, bäckt Brot. Auf einer Decke und einem weißen Tuch
rollt er den Teig mit den Händen aus, ähnlich wie die Italiener beim
Pizzateig-Zubereiten. Dann streicht er die Glut kreisförmig auseinander und
legt den Teigfladen auf den heißen Sand und deckt ihn damit zu. Bald darauf
hebt sich der Teig, er sticht ihn mit einem Steckerl an, wendet ihn nach
einer Weile und nach einigen weiteren Minuten ist das Brot fertig. Er nimmt
es heraus, klopft es ab und wischt es mit einem Tuch ab. Wir bekommen das
noch warme köstliche Brot zu kosten. Es schmeckt herrlich.
Immer wieder lege ich mich zurück und schaue ins Sternenzelt über mir. Heinz
hat sein Wissen aus Elisabeths Sternenbuch aufgefrischt und erklärt und
zeigt uns die Sternbilder. Und dann entdeckt er den Andromedanebel. Er zeigt
uns die 4 Sterne des Pegasus, zu dieser Zeit knapp über dem Horizont, den
nächsten hellleuchtenden Stern nach oben, dann nach rechts etwas hinunter
ein heller Nebel mit einer milchigen Scheibe in der Mitte: Wir blicken in
eine andere, erdnächste Galaxie. Und davon gibt es unendlich viele. Was sind
wir für unwichtige kleine Wesen!
Wir schlafen im Freien unter diesem riesigen Sternenzelt, es
wird ziemlich kalt, aber damit haben wir ja gerechnet. Als ich in der Nacht
einmal aufstehen muß, decke ich Heinz mit der davongerutschten Decke wieder
zu. Er glaubt, daß ihn einer von unseren Begleitern zugedeckt hat und findet
es besonders nett, nur daß dieser nicht weit von ihm entfernt pinkelt,
befremdet ihn etwas.
Freitag, 24.1.
Ich wache wieder vor
Sonnenaufgang auf und wir gehen auf die hohe Düne, um den Tag erwachen zu
sehen. In einer Mulde gibt es viele zerbrochene Schlangeneier, Elisabeth hat sie entdeckt. Zum Glück ist es von der
Jahreszeit her zu kalt und wir brauchen uns nicht davor fürchten, Schlangen
zu begegnen. Wir versuchen die Schlangeneier in Käseschachteln mitzunehmen,
aber meine sind nach kürzester Zeit zerbröselt.
Nach dem Frühstück beginnt ein leichter
Sandsturm, die Landschaft erscheint ganz diesig; wir hüllen uns die Köpfe
ein. Anfangs wandern wir durch Dünen, dann verändert sich das
Landschaftsbild wieder: Die Erde ist flach, trocken, rissig, unterbrochen
von kleinen Hügeln mit Tamarisken oder Lebensbäumen (Thujen). Ich reite den
ganzen Vormittag; einmal stolpert mein Dromedar, mir rutscht das Herz in die
Hose und ich muß an den spektakulären Abstieg von Franziska am Tag zuvor
denken. Ich weiß nicht, ob ich das so glimpflich überstehen würde. Auf jeden
Fall habe ich vom Festhalten am Metallgestell eine Blase abgekriegt und mir
erscheint das Gehen doch bequemer als das Reiten.
Wir durchqueren das ausgetrocknete Draatal, es ist voll mit wunderschönen
glattgeschliffenen bunten Steinen. Heute lagern wir zu Mittag unter alten
knorrigen Tamarisken und werden wieder mit Erdnüssen, Mandeln, Datteln und
Tee verwöhnt. Danach gibt es Salat und Bohnen, als Nachtisch Mandarinen und
Kaffee.
Heinz hat einige Besonderheiten gefunden: einen Stein mit Versteinerungen
und die Körper (Chitinpanzer) von Käfern, die wie afrikanische Masken
aussehen. Wir beobachten Vögel, Bachstelzen, die hier ihren Winteraufenthalt
haben und schwarz-weiß gezeichnete Vögel in Amselgröße. leider haben wir nur
ein europäisches Vogelbuch, wir werden also ihre Namen nicht erfahren.
Am Nachmittag verändert sich das Landschaftsgesicht wieder. Wir gehen über
eine weite Ebene mit niederen krautigen Distelbüschen. Manchmal sieht man
Autospuren. Wir kommen an einem toten Dromedar vorbei, das noch sehr gut
erhalten ist. Mouloud erzählt, daß Dromedare ohne besondere Vorzeichen
schnell sterben können.
In der Ferne sehen wir einzeln stehende Tamarisken mit weitausladenden
Kronen. Heinz wandert zu einer hin, ob er froh war, endlich einen Baum
gefunden zu haben?
Fränzi erzählt, daß in der Nacht von Tamarisken ein leicht klebriger Saft
tropft, weil die Bäume sich damit sozusagen selbst bewässern mit der
Feuchtigkeit, die sie in ihren Nadeln speichern. Diese Erklärung habe sie
später einmal bekommen, als sie in Griechenland anderen davon abriet, unter
Tamarisken zu nächtigen, weil Decken und Schlafsäcke dann immer so feucht
seien.
Am späten Nachmittag beginnen wieder die Dünen und alte knorrige Tamarisken
säumen den Dünengürtel. Hier bleiben wir für die Nacht.
In einiger Entfernung gibt es einen Brunnen. Die Dromedare werden von ihrer
Last befreit und zur Tränke geführt. Diesen Brunnen hat eine holländische
Gesellschaft, die Marathonläufe organisiert, gebaut. Er ist eingezäunt und
eine Solaranlage erzeugt Strom, um das Wasser heraufzupumpen. Wir können uns
hier Hände und Gesicht waschen und ich merke, wie sandig es vom Wind
geworden ist. Etwas entfernt von dieser Brunnenanlage sieht man einen
gemauerten Würfel. Es ist das Einraumhaus eines 70-jährigen Mannes, der die
Anlage betreut.
Auch dieser Abend wird sehr kühl, vorne wärmt uns das Feuer, hinten die
Decken. Diesmal gibt es zum Nachtmahl Reis mit würziger Gemüsesauce.
Mahjoub und Abdullah, der Teppichhändler, kommen zu Besuch. Zuerst glauben
wir, der Mond gehe auf, bis wir merken, daß es die Lichter eines Autos
waren. Hier merkt man die Krümmung der Erde. Irmgard spielt wieder auf der
Gitarre und unterhält uns mit ihren Italienischkenntnissen und Liedern. Wenn
sie ein Liebeslied ankündigt, müssen die jungen Männer gespielt weinen.
Immer wieder fasziniert mich das natürliche Talent dieser Männer, jeder kann
trommeln, ob auf einem Wasserkanister oder einer echten Trommel – immer
klingt es ganz toll. Zu fortgeschrittener Zeit tanzen die Burschen und
Männer. Sie stehen in einer Reihe, singen, klatschen, knien sich nieder und
beugen ich vor und zurück, um sich zum Schluß ganz auf den Boden zu neigen.
Dann verschleiern sich zwei Männer und tanzen ohne sich zu berühren sehr
nahe beieinander. Mir scheint es, daß einer ein Mädchen spielt, doch sie
bestreiten dies.
Auch in dieser Nacht suchen wir mit dem Feldstecher den Andromedanebel.
Jetzt haben ihn alle von uns gesehen. Diese Nacht ist für unsere
Französischdolmetscherin Monika etwas ungemütlich, da sich bei ihr
Bauchschmerzen einstellen. Es ist besonders kalt und ich muß mir noch eine
Schicht Kleidung anziehen. Jetzt müssen die Schuhe als Kopfpolster dienen.
Samstag, 25.1.
Unser letzter Tag in der Wüste ist angebrochen. Wir wandern durch Dünen
und es sieht nett aus, die Gruppe hinter Dünen verschwinden und wieder
auftauchen zu sehen. Monika und Fränzi unterhalten sich mit den Führern auf
französisch und bekommen einige Rätsel zu lösen:
(Rätsel
zensiert von Inge Sohm: wär schad, wenn Sie das hier lesen. Sand, Sterne,
Lagerfeuer fehlen, und wir haben immer viel Spaß an den gemeinsamen
Rätselabenden. Und: ich habe Mouloud fest versprochen, nichts zu
verraten...)
Die Vegetation
besteht nun aus einer Art „Wolfsmilchgewächs“ (das ist meine Version).
Zuerst wachsen sie vereinzelt, später bedecken sie große Fläche. Die Milch
ist giftig, erklären unsere Führer; die Pflanzen werden mannshoch, tragen
Früchte wie Avocados, fühlen sich aber hohl an. Wenn man sie öffnet, sind
noch eine oder zwei Schoten darin und nach dem Öffnen dieser Schoten liegen
Flugsamen darin wie ein Zapfen angeordnet und erst wenn man anzieht, quellen
abertausend weiße Samen wie Löwenzahnfallschirme heraus und fliegen mit dem
Wind davon.
Nun verschwinden diese Pflanzen und wir kommen in eine wunderschöne
Dünenlandschaft. Wir besteigen sie barfuß, sitzen auf einer der höchsten
Dünen und essen Orangen, trinken Wasser, das Mouloud mitgetragen hat. Wir
sehen in der Ferne eine Touristenkarawane und einen einsamen Nomaden, der
seine Kamele bei der Wasserstelle sucht. Die Berge rücken wieder näher und
einer davon, der wie ein Tajine-Topf aussieht, ist zu erkennen.
Die Dünen haben Grate wie bei uns
Schneeverwehungen und windgeformte Rippen; ich hoffe, dass diese Bilder auch
auf den Fotos zu sehen sind. Zum Glück hat Monika so viele Filme gekauft,
dass sie mir was abgeben kann.
Allenthalben werden schöne Versteinerungen gefunden, es gibt aber auch
Muscheln und Korallenreste und Stücke im Sand. Unsere Führer zaubern wieder
ein liebevoll arrangiertes Essen auf die „Decke“ und danach faulenzen wir in
der Sonne, denn im Schatten ist es zu kühl. Said setzt sich zu Heinz,
zeichnet ein Spiel in den Sand, verteilt je 3 verschieden lange Steckerl,
erklärt und los geht das Spiel. Einmal darf Heinz gewinnen, alle anderen
verlieren. Im Geheimen muss ich lachen, denn Heinz mag solche Spiele
überhaupt nicht und mit unseren Kindern spielte nur ich.
Am Nachmittag kommen wir wieder über ehemalige Felder, die
Traktorspuren sind noch zu erkennen. Dann überqueren wir den ehemaligen
„Stausee“. Hier sollen noch vor 40 Jahren Strauße gelebt haben, zur
Bestätigung dieser Erzählung zeigt uns Said Reste von Straußeneiern. Ich bin
sehr berührt, wie liebevoll und aufmerksam unsere Begleiter sind. Heinz
bleibt immer wieder weit zurück, er sieht so viel, fotografiert oder findet
eine Menge Versteinerungen – dann geht auch Hassan ganz langsam mit seinem
Dromedar und wartet unauffällig. Ich habe diese lieben Menschen sehr ins
Herz geschlossen, sie lachen und ulken herum; sie haben sich ihre kindische
Art bewahrt. Wir müssen sie erst mühsam bei Selbstfindungskursen suchen.
Die Wassertürme von M’Hamid tauchen in der Ferne auf, wir nähern uns dem
„Basislager“ und ich fühle mich sehr traurig, dass diese schönen Tage so
schnell vergangen sind.
Im Lager erwarten uns Mahjoubs Schwestern mit der Mutter im Rollstuhl. Sie
haben für alle Frauen Armbänder aufgefädelt, für Heinz eine wunderschöne
Halskette aus kleinen Schneckenhäusern und roten und orangen Perlen. Ihre
Augen leuchten, als sie uns die Ketten schenken und umlegen – ein Danke für
unseren Besuch bei ihnen.
Zum Abschluss machen wir mit allen Begleitern Fotos. Auf der Düne sitzen:
Hassan, Said, Mohammed, Ali und Mouloud und lachen ins Objektiv. Hassan und
Ali helfen im Basislager, kaufen ein, richten die Zelte her und kochen. Der
kleine, weißgekleidete Mohammed ist der Nachbar der Familie Laghfiri in
M’Hamid. Seine Eltern sind noch Nomaden und er ist Ziegenhirte. Said ist
Kaffeehausbesitzer und ist einfach aus Freude mitgegangen. Hoffentlich
kommen noch viele Gäste in sein Kaffeehaus, dass er leben kann. Mohammed und
Said bringen die gemieteten Dromedare zurück und nach M’Hamid – das Ende
unserer Wüstenwanderung.
Nun taucht der Wunsch nach einer warmen Dusche auf. Inge hofft, dass wir im
Hotel des Ortes die Duschen benützen dürfen und wir wandern mit sauberer
Wäsche in den Rucksäcken nach M’Hamid. Wir setzen uns auf die Hotelterrasse
und trinken Cola, obwohl uns saukalt ist und Inge fragt den Hotelbesitzer.
Leider, unfortunately, gibt es kein warmes Wasser – wegen Stromausfall!
Abdullah erklärt sich bereit, seinen Vater, der einen Campingplatz betreibt,
zu fragen, ob wir dessen Hammam benützen dürfen. Wir wandern wieder einmal
durch den Ort und kommen auf der anderen Draaseite zum ummauerten
Campingplatz, der ein sehr gepflegter Garten mit Palmen ist. Ein großes
offenes Zelt, das auf 3 Seiten Sitzbänke hat, lädt uns zum Verweilen ein und
ich stelle mir vor, dass es hier im Sommer angenehm kühl ist – nur um diese
Jahreszeit ist es hier sehr kalt. Wir warten, bis Abdullah eingeheizt hat
und gehen in 3 Gruppen nacheinander hinein. Eine Wasserorgie beginnt, wir
schütten uns gegenseitig das warme Wasser über den Rücken, seifen uns ein
und übergießen uns wieder und wieder. So viel Wasser habe ich schon lange
nicht gespürt, es ist ein riesiger Spaß und ein herrliches Gefühl, gewaschen
zu sein.
Wir werden mit dem Auto zurückgeführt und ein köstliches Nachtmahl erwartet
uns: Spieße, Salat, Pommes. Den Abend beschließen wir – wie könnte es anders
sein – singend beim Feuer.
Sonntag, 26.1.
Diese Nacht habe ich herrlich geschlafen. Die Zelte waren frisch
hergerichtet: die Teppiche ausgebeutelt, die „Betten“ frisch bezogen. Es
erschien mir so luxuriös wie in einem Hotelzimmer, aber eigentlich war es
viel schöner und so, als ob wir heimgekommen wären. Am Abend brannten wieder
die Kerzen in den Laternen, es war richtig heimelig.
Ein wunderbarer Morgen beginnt. Wir hören die Vögel auf dem Zeltdach singen
(dabei rieselte mir, wenn ich hinaufblickte, Sand in die Augen). Wir hören
die Nachbarskinder, die schulfrei haben, singen und trommeln und Mouloud hat
mit dem neuen Moped frisches Brot geholt.
An diesem Tag steht Old M’Hamid auf dem Programm. Wir wandern in den Ort
und machen dort eine Pause, um zu telefonieren, zur Post zu gehen und um bei
Abdullah im Geschäft noch einmal zu stöbern. Der Schelm legt uns noch einmal
Teppiche vor, er weiß genau, welche uns gut gefallen haben. Nachdem Inge für
uns „Bank spielt“, erstehen wir noch einen dieser farbenfrohen
Tuareg-Teppiche.
Dann geht es über bzw. durch das Draatal auf die andere Seite des Ortes, wo
zwei neue Hotels und Campingplätze entstehen; durch Palmenhaine, bewässerte
Felder mit sattem grünen Gras, durch einen malerischen Ort mit Brunnen, aus
dem uns Hassan glasklares Wasser schöpft. Wir wandern durch ein Tal, in dem
aus Palmenblättern Zäune gegen Sandverwehungen aufgestellt wurden, um Old
M’Hamid zu schützen. Wir erklettern eine der hohen Dünen und jausnen mit
schönem Ausblick auf das gegenüberliegende Dorf.
Vor dem Ort spielen Buben Fußball, alte Männer sitzen in der Sonne. Wir
spazieren durch die engen Gassen zwischen den 2-3-geschossigen Lehmbauten,
schauen in schattige kühle Durchgänge, sehen verschleierte Frauen und schöne
Türen aus Holz mit alten Fallriegelschlössern, manche sind streifenförmig
oder patchworkartig mit buntem oder gemustertem Blech beschlagen. Drei
Mädchen schauen lachend von einem Dach herunter, Helga grüßt sie mit „inshallah!“
statt mit „salaam“, schallendes Gelächter ertönt von oben herab. Eine andere
Straße führt uns durch Felder nach M’Hamid zurück. Im Draatal sitzt eine
Gruppe malerisch gekleideter Frauen; ob sie heimlich rauchen?
Etwas müde traben wir zu den Zelten zurück und ich lasse mich im Zelt auf
die Matten fallen – aber schon ruft Inge zum Essen – es gibt eine köstliche
Tajine mit Huhn, Kartoffeln und Gemüse. Und dann gehen Inge, Franziska,
Monika und ich noch einmal ins Dorf. Inge macht ein Interview mit den Frauen
Laghfiri und wir erfahren etwas über das Leben der Mutter und die Wünsche
und Träume von Leila, Lalia und Neshar. Ob Lalias Wunsch nach einer
Nähmaschine in Erfüllung gehen wird? Vielleicht können wir dazu beitragen.
Beim Heimkommen sitzen die Männer im Zelt und machen Musik. Heinz und
Irmgard scherzen übers Spaghettikochen – unser Abschiedsessen. Jeder und
jede von uns wird in einem Lied erwähnt: Alibaba und Madame-baba.. etc.
Montag, 27.1.
Der erste Rückreisetag beginnt.
In M’Hamid ist außerhalb des Ortes Markttag. Auf einem ummauerten Platz sind
Gemüse, Obst, Gewürze, Antiquitäten und Hausrat ausgebreitet. In einem
zweiten ummauerten Platz werden Schafe gehandelt. Vor den Mauern warten die
Esel auf ihre Herren.
Nun sehen wir den Teil des Draatales, den wir bei Nacht heruntergefahren
waren.
In Tamengroute machen wir eine Pause. Einige der Gruppe besichtigen die
sehenswerte Bibliothek, in der 4000 mittelalterliche Handschriften
aufbewahrt werden. Das Glanzstück der Sammlung, das hinter Glas aufbewahrt
wird, ist eine Koranauslegung auf Gazellenhaut aus dem 11.Jhd.
Ein Guide führt uns durch den Ort, der auch für seine
Töpferwaren bekannt ist. In den Töpferwerkstätten entstehen auf einfachen
Drehscheiben Gebrauchsgegenstände, die zuerst mit einer silbrig-grauen
Maugrauglasur überzogen werden und danach in archaischen Öfen gebrannt
werden, die mit trockenen Palmblättern beheizt werden. Dadurch bleibt die
charakteristisch grüne Farbe erhalten. Es gibt aber auch zwei gasbefeuerte
Brennöfen, in denen die bemalten Stücke gebrannt werden.
Nach einem frisch gepressten Orangensaft fahren wir weiter. In Zagora wird
Jause eingekauft und ca. 20 km nach Zagora zweigen wir ab, überqueren das
Draatal über eine Brücke und fahren ein Stück auf der alten Karawanenstraße
nach Norden bis Azlag. In einem Palmengarten essen wir Brot und Oliven und
wandern dann durch die alten Ortschaften, in denen aber auch eine rege
Bautätigkeit herrscht. Viele Kinder begleiten uns in der Hoffnung, einige
Dirham zu bekommen. Ein geschlachteter Ochse hängt an einem Holzgestell, um
zerlegt zu werden.
Viele schöne Blicke bieten sich uns auf alte Häuser, die wie Krippenkulissen
wirken, auf das palmenbewachsene Tal und auf alte Türen. Eine alte Frau
zeigt uns ihre mit Henna bemalten Hände und wie sie das zustande bringt. Sie
streicht sich Henna in die Handflächen, bildet eine Faust und legt sich so
zum Schlafen nieder. Dadurch entstehen weiße Streifen in den Handflächen.
Ganz schön unbequem; das erinnert mich daran, dass Frauen bei uns mit
Lockenwicklern schlafen, was ja auch nicht angenehm sein kann.
Nach einigen Kilometern nehmen uns die Landrover wieder auf und wir fahren
nach Agdz, um Datteln zu erstehen. Nach einem Kaffeehausbesuch entscheiden
wir, noch länger zu bleiben.
Franziska macht
ein Geschäft mit Schulartikeln ausfindig und kauft für ihre und Monikas
Kinder ein Leselernheft in arabischer Schrift. Ein Händler will Heinz’
Fischerjacke gegen einen Teppich eintauschen, einer der Tricks, um Käufer
ins Geschäft zu locken. Helga könnte ihre Trekkingsandalen eintauschen –
alles gegen Aufzahlung natürlich. Zum Abschluss wärmen wir uns mit einer
köstlichen Suppe um 5 Dirham beim einem netten Mann am Hauptplatz.
Um ca. 20.00 Uhr erreichen wir Ouarzazate und steigen wieder im Hotel Amlal
ab. Wir treffen uns noch in der netten Halle des Hotels, halten Rückblick,
erinnern uns an Aussprüche der Woche, z.B. „can I have some bismilla?“ und
verabschieden uns von Helga und Hildegard, die am nächsten Tag als erste
nach Wien zurückfliegen.
Dienstag, 28.1.
Nachdem wir in der Bank Geld
gewechselt haben, spazieren wir über die breite Hauptstraße an den Ortsrand
der kleinen Stadt zur Kasbah von Taourit. Im Inneren dieser malerischen
Burganlage sehen wir wäschewaschende Frauen, viele entzückende rotzige und
barfüßige Kinder. Franziska lässt Kinder ihre Namen in ihr Notizbuch
schreiben und sie haben großen Spaß daran.
Anschließend durchstreifen wir das ehemalige jüdische Viertel. Hier lebt ein
junger Mann, den Inge bei ihren zahlreichen Reisen kennengelernt hat. Er
lebt und arbeitet in einem kleinen Laden und verfertigt mandalaähnliche
Zeichnungen. Als Inge diesmal nach ihm fragt, erzählt seine Mutter unter
Tränen, dass ihr Sohn im Gefängnis sei. Wir sind alle sehr berührt und
bedrückt gehen wir weiter.
Franziska will eine alte Frau fotografieren, die ihren Kopf durch eine
winzig kleine Fensterluke hinausstreckt; für 5 dh gestattet ihr Sohn es. In
einem der unzähligen kleinen Läden malt ein Künstler Bilder, Karten und
Lesezeichen. Elisabeth, die gute Seele der Gruppe, kauft ihm dann auch etwas
ab. An der Hauptstraße gibt es ein Geschäft mit altem und neuem
Berberschmuck; eine unvorstellbare Menge an Korallenketten, Bernstein- und
Silberketten. Aus welchen Gründen auch immer die Besitzer ihren Schmuck
verkaufen mussten, ich hoffe, sie haben das Geld erhalten, das der Schmuck
auch wert war.
Zu Mittag sitzen wir auf einer wunderschönen Terrasse gegenüber der Kasbah
mit Blick auf die Dächer von Ouarzazate und die verschneiten Berge im
Hintergrund. Am Nachmittag teilt sich unsere Gruppe. Die vier Tirolerinnen
durchstreifen noch Ouarzazate und entdecken eine Patisserie mit köstlichen
Mehlspeisen. Mahjoub bringt Inge, Heinz und mich in das 32 km nordwestlich
gelegene Stampflehmdorf Ait Benhaddou. Noch 3 km weiter schaut sich Inge
eine neu erbaute Herberge an, die ihr empfohlen worden war. Hier gibt es ein
schönes orientalisches Gästezimmer, saubere Zimmer und Duschen und im Garten
einen Swimmingpool mit Gegenstromanlage. Das ganze zu günstigen Preisen, da
könnte ich mich auch wohlfühlen.
In der warmen Abendsonnebesteigen wir den Burgberg. Durch enge steile Gassen
erreichen wir die Höhe des Berges mit wunderbarem Blick auf das Tal, die
Berge und die ersten blühenden Mandelbäume. Ein Schäfer zieht mit seiner
Schafherde durch die karge Landschaft und erweckt in mir Erinnerungen an
längst vergangene Zeiten. Natürlich hatten hier auch noch andere Touristen
heraufgefunden und gemeinsam genießen wir den Sonnenuntergang.
Im Hotel treffen wir wieder zusammen. Mahjoub führt uns zum Abendessen in
ein Einheimischenlokal, wo es eine große Auswahl an Gegrilltem gibt. Wir
sitzen im Jänner im Freien und dementsprechend kalt ist mir.
Zurück im Hotel gibt es wieder einen Abschied: diesmal von Irmgard,
Elisabeth, Franziska und Monika, die am nächsten Tag nach München fliegen.
Mittwoch, 29.1.
Mahjoub, Mohammed und Inge bringen Heinz und mich zur „Storchenkasbah“,
ein paar Kilometer südöstlich von Ouarzazate gelegen. Wir wandern durch das
Gemäuer, zum Teil gibt es hier noch Reste alter Kulissen eines Films. Ein
alter Mann im Rollstuhl sitzt in der Sonne, Frauen mit Kindern begegnen uns
und natürlich begleiten uns erwartungsvolle Buben. 4 Störche nisten auf den
Türmen und ihr Klappern ist weit zu hören. Wir spazieren gemächlich durch
die Felder zurück nach Ouarzazate.
Frauen und Männer arbeiten auf den Feldern, ein Mann leitet mit einer großen
Haue das Wasser in die Bewässerungsgräben. Frauen tragen Reisig- und
Schilfbündel, ernten Karotten und Gras für die Ziegen. Eine kleine weiße
Reiherart sucht nach Käfern und Würmern im frisch umgegrabenen Feld.
Haubenlerchen steigen singend in die Höhe, Bachstelzen wippen auf den
Bewässerungsgräben, Spatzen tschilpen wie bei uns im Gestrüpp. Wir finden
den idealen Zick-zack-Weg durch die Felder, durchqueren das Draatal und
sehen plötzlich 20 Störche über der Kasbah kreisen; in ein paar Monaten
werden sie wieder bei uns brüten.
Wir gelangen wieder ins ehemalige jüdische Viertel, ein paar Ladenbesitzer
erkennen und grüßen uns. Noch einmal genießen wir den Ausblick auf die Stadt
von der schönen Terrasse bei einer Cola und ich vervollständige meine
Tagebuchaufzeichnungen. Später streifen wir durch die Stadt, kehren auch in
die Patisserie ein und verspeisen etwas Süßes und trinken Café au lait. Ich
fotografiere mit Erlaubnis eine Nähstube und ein Kurzwarengeschäft mit den
wunderschönen bunten Garnen. Nach einer kurzen Rast im Hotel treffen wir uns
mit Inge zum Nachtmahl.
Donnerstag, 30.1.
Diesmal sind wir es, die in aller Morgenfrühe das Hotel verlassen und
mit einem Taxi zum nahen Flughafen fahren. Inges Koffer wird am Flughafen
leider geöffnet und wegen des Gewichtes kontrolliert. Anscheinend wurde er
dann nicht weitergeleitet, denn in Zürich ist Inges Gepäck dann nicht dabei.
In Casablanca fahren wir mit dem Zug in die Stadt und mit einem Taxi (zu
teuer) zur Moschee Hassan II. Dort umrunden wir das Gebäude, bis wir
aufgehalten werden. Ein Polizist bittet uns das Gelände so rasch als möglich
zu verlassen. Die Moschee ist die drittgrößte der Welt, deren ca 180 m hohes
Minarett alles überragt. Die erdbebensichere Moschee steht halt über dem
Meer und wurde vom französischen Architekten Michel Pinceau geplant.
Wir schlendern dann noch über eine lange Marktstraße in der Medina; hier
wird Gemüse, Obst, Gewürze und viel Fisch angeboten. Heinz wird von einem
Mann beschimpft, er verfolgt uns, bis ihn ein anderer zurückhält. Ein alter
Mann legt beruhigend seine Hand auf Heinz’ Arm. Was wissen wir, was in der
Seele dieses Mannes vorgeht oder welch schlimme Erfahrungen er schon hat
machen müssen. Diesmal fahren wir mit einem billigen Taxi zurück zum Bahnhof
und erreichen gerade noch rechtzeitig unser Flugzeug.
In Zürich nehmen wir dankbaren Herzens Abschied von Inge und
hoffen auf eine nächste Reise mit ihr.
Sonnhilde |