Montag
- Freitag. Heute beginnen wir unsere fünftägige Wanderung. Lahcen
begleitet uns. Er ist für mich einer der besten Guides, die ich kenne. Lahcen spricht auch Englisch und Französisch und hat ein
wunderbares Gespür dafür, was seinen Gästen gerade gut tun könnte. Er
versteht es, Interessierten Land und Leute näherzubringen, hat viel Humor
und weiß auch, daß wir manchmal die Ruhe schätzen und brauchen.
Omar ist unser Muliführer. Wir können unbelastet von Gepäck die Tour
genießen. Dienstag früh werden noch frische Lebensmittel eingekauft, wir
sehen beim Beladen des (der) Mulis zu, und los geht´s. Nach zwei Stunden
erreichen wir den Heimatort von Omar. In seinem Haus essen wir zu Mittag
und ruhen uns von den ersten Eindrücken aus.
Die folgende Route ist von mir erarbeitet worden. Wir bewegen uns in nicht
touristischem Gebiet, wohnen in Privathäusern, schlafen in einem der
typischen marokkanischen Gästerräume auf Matten am Boden, wie in jener
Gegend eben üblich. Wenn Trekkings im Atlasgebiet angeboten werden, ist so gut wie immer
Zeltübernachtung vorgesehen, gekocht wird von den Muliführern mithilfe von
Gaskochern. Viel billiger, zugegeben.
Aber ich denke, dass wir beim Besuch so abgelegener Gebiete den Menschen
dort kleine Verdienstmöglichkeiten bieten sollten. Es könnte Verärgerung
geben, wenn wir nur zum Besichtigen kommen. Auch verliert man durch das Zelten viele Kontaktmöglichkeiten mit den
Dorfbewohnern. Auf der Steinterrasse so manchen Hauses sind wir mit den Gastgebern oft
lange beim Tee gesessen und haben
zugesehen, wie das Leben im Dorf abläuft und wie mit dem Verschwinden der
Sonne die Menschen in die Häuser zurückkehren. Am Abend gibt es ein warmes
Abendessen, samt frischem Brot aus dem Lehmofen vor dem Haus, dessen
Bedienung wir interessiert verfolgen werden.
Unvergessen so mancher Abend, den wir in den Gästeräumen verbrachten.
Nach und nach kamen immer mehr Männer zu Besuch, und manchmal entwickelten
sich gemeinsame Stunden mit Geschichtenerzählen, Singen oder Rätselraten -
eine beliebte Unterhaltung in Marokko. Bringen Sie ein paar Rätsel mit,
und der Erfolg ist Ihnen sicher. Reisende Frauen haben den Vorteil, von
den Frauen eingeladen zu werden in deren schwarze Rauchküchen, offenes
Feuer in der Mitte, Hühner und Kinder ringsum. Auch wenn wir uns nicht
über eine Sprache verständigen konnten - es waren unterhaltsame Stunden
und es wurde viel gelacht.
Wir sind auf schnelle Art in eine andere Welt gelangt, eine Welt ohne
Elektrizität, ohne Autostraße, ohne Hotel. Die Bilder und Begegnungen
dieses und der nächsten Tage sind sehr eindrücklich. Wir wandern entlang
intensiv bebauter Täler, deren Felder oft terrassenförmig angelegt sind
und mich vom Gesamteindruck her sehr an Reisfelder in Asien erinnern. Die
Dörfer kleben an den Hängen, um durch den Bau nicht Ackerland zu verlieren. Von
Zeit zu Zeit überqueren wir eine Anhöhe, um ins nächste Tal zu gelangen,
und sehen die oft so bizarren Felsformationen, für die Marokko bekannt
ist.
Auf einem dieser Plateaus befinden sich hunderte prähistorischer
Steingravuren. Sie sind sehr gut erhalten und man erkennt unschwer Tiere,
Werkzeuge und Waffen, ja bis zu zwei Meter lange Menschendarstellungen. Es
vermittelt ein eigenartiges Gefühl, über diese uralten Zeugnisse einfach
so hinwegzulaufen. Wir werden sicher eine ganze Weile mit dem Entdecken
immer neuer Darstellungen und mit Interpretationsversuchen beschäftigt
sein.
In dieser Gegend gibt es viele große Walnußbäume. Wer zur Reifezeit der
Nüsse im September dorthin kommt, erhält bald die Erklärung, warum die
Bäume so eigenartig wenige Blätter haben. Die Kinder holen mit gezielten
Steinwürfen Nüsse (samt Blättern) von den Bäumen – sie werden einzeln
verkauft. Da im September gerade Schulbeginn ist und für den Kauf der
Schulmittel Bargeld nötig ist, ist dies ein beliebtes, wenn auch nicht
ganz korrektes Einkommen.
Ab Freitag Mittag sind
wir wieder ins Verkehrsnetz eingebunden. Wir kehren nach Marrakech zurück
und haben Zeit, in die Altstadtgassen einzutauchen, die eine oder andere
Besichtigung zu machen, den einen oder anderen Einkauf zu tätigen. Jene,
die das Glück haben, eine Woche Kameltrekking an der Küste anschließen zu
können oder eine Fahrt in die Wüste, begeben sich nach Essaouira oder nach
Quarzazate, von wo aus wir weiterziehen werden.
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