Von Marrakesch bis in die Wüste.

 

Mittwoch. Wir beginnen den Tag mit einem Spaziergang durch das verwinkelte Lehmkonstrukt Ait Benhaddou, verstehen sofort, warum diese Kasbah oft als Filmkulisse dient. Wie gehen hinauf auf den Hügel, mit Überblick über das Dorf und in die Umgebung. Vor über 10 Jahren war Ait Benhaddou so gut wie verlassen, und es tat das Herz weh, war doch der Verfall der Lehmbauten absehbar – obwohl die Unesco eine schützende Hand darübergelegt hatte. Dann kamen immer mehr Touristen und in Folge ein Souvenirladen nach dem anderen in dafür renovierten Gebäudeteilen. Der eine oder andere Bewohner bietet inzwischen sogar sein Haus zur Besichtigung an. Hier hat der Tourismus mit dazu beigetragen, Unwiederbringliches zu erhalten.

Nach einem Mittagessen in Quarzazate beginnen wir unsere Wanderung zur Oase Finnt. Wir fahren auf eine Geröllanhöhe am Rand von Quarzazate und sind sicher erstaunt über den überraschenden Ausblick: unter uns liegt ein Flusstal, gesäumt von winzigen Feldern unter Mandelbäumen, Oleandern, Palmen. Ich hätte einen Geheimtip mit dieser Route gefunden, meinte Mustapha. Ihn habe ich bei meiner allein unternommenen Erkundungstour kennen gelernt, als ich auf dem Weg zur Oase mitfahren durfte hoch oben auf einem vollbeladenen Lieferwagen, der aus Mitleid mit mir Fußgängerin stehen geblieben war. Der Wagen sei gemeinschaftlich von allen Oasenbewohnern gekauft worden. Bei Aziz in Mustaphas Familie werden wir eingeladen sein zum traditionellen Tee. Die Straße führt nicht unseren Wanderweg entlang zur Oase, sondern kommt von der anderen Seite her. Der Landrover setzt die Wanderlustigen ab und dreht dann um. Wir treffen uns in der Oase wieder, beim Tee, zu dem wir als Mittagessen gefüllte Brote bekommen, die Mahjoub aus Quarzazate mitbringt. Wer die Oase schon vorher sehen will – auf in die Videothek: in Finnt wurde der Film Asterix mit Gérard Dépardieu gedreht.
Ich freue mich sehr, daß wir bei dieser Reise eine Premiere feiern werden und erstmals in der Oase Finnt übernachten werden. Jahrelang schon kehre ich bei der Familie von Aziz zum Tee ein. Nun hat er ein altes Nachbarhaus renoviert, einige Zimmer, die in einen klassischen Innenhof führen. Ich bin sicher, daß es uns dort gefallen wird.

Donnerstag. Es geht per Auto den Flusslauf der Draa entlang nach Süden. Wir gelangen vorerst in ein nahezu vegetationsloses Gebirgsmassiv, den Djebel Sarho. Der Fluss hat hier tiefe Täler eingeschnitten. Dort, wo die Draa das Gebirge hinter sich lässt, liegt Agdz. Hier machen wir Pause, und wir können von einer nahen Anhöhe aus einen überraschenden Blick auf die Umgebung werfen. In N´Kob übernachten wir in einem meiner Lieblingshotels, zwar sehr einfach, aber umgeben von Palmen und alten Lehmburgen mit einer wunderbaren Terrasse. Hussein und Mohammed werden uns erwarten.
Wir machen einen Spaziergang ins Dorf, vorbei an den vielen Kasbahs auf der linken Seiten und den Palmengärten auf der rechten Seite. Hier an den Wasserkanälen sind die Waschstellen der Frauen, und es ergeben sich immer wieder nette Szenen, wenn sie uns zum Helfen auffordern oder ein kleines Kind weinend flüchtet, obwohl wir noch ganz weit weg sind. Wir besuchen Sarah. Sie war früher, vor ihrer letzten Schwangerschaft, Köchin im Hotel. Wir haben viele gemeinsame Erinnerungen, und ich hoffe sehr, daß wir sie antreffen.

Freitag. Ab in die Wüste!
Immer wieder freue ich mich auf die folgende Strecke zwischen Agdz und Zagora, die zu den schönsten Landschaften Marokkos gezählt wird. Unzählige Dattelpalmen säumen die Draa, und eine Flußoase folgt auf die andere. Die ockerfarbenen Dörfer in Lehmbauweise werden oft von beeindruckenden Kasbahs bewacht, gemeinsam umschlossen von einer mächtigen Mauer. Wir achten darauf, diese malerische Strecke im weichen Licht des Spätnachmittags zu sehen, denn die dann intensiveren Farben und das Spiel von Licht und Schatten erhöhen den Eindruck ungemein. Diese Strecke gehört zur "Straße der Kasbahs". In Zagora schließlich besuchen wir den gedeckten Markt, kaufen Datteln oder Obst, trinken Tee.
Kurz nach Zagora kommen wir nach Tamegroute, ins Töpferdorf, bekannt auch für die uralte Bibliothek. Wir machen einen kurzen Rundgang durch das schöne alte Lehmdorf und schauen dann zu, wie auf Töpferscheiben gearbeitet wird und nahezu abenteuerlich die alten Lehmbrennöfen mit Gestrüpp gefeuert werden. Daneben stehen zwar zwei Gasbrennöfen, das Geschenk einer deutschen Organisation. Aber sie werden nicht verwendet: die Farbe sei dann nicht dieselbe, und gerade sie ist ja berühmt und typisch für hier, ein sattes Grün. Ob es einen Showroom zum Einkaufen gibt? Natürlich!

Die letzte Wegstrecke von Zagora zum südlichsten Ort M´hamid, dem kleinen Dorf am Rande der Wüste, legen wir dann vielleicht im Dunkeln zurück.
In M´hamid endet die geteerte Straße, aber nicht am Ortsende, sondern gleich nach der Ortseinfahrt... Wir fahren an den kleinen Hotels und einige Geschäften vorbei  über ein schon lange ausgetrocknetes Flussbett und durchqueren den Ort auf der Hauptstraße, die in der Wüste endet. Dort, 30 Minuten Fußweg vom Dorf entfernt, stehen uns einige in jeweils zwei „Zimmer“ geteilte Wohnzelte der Brüder Mahjoub und Mouloud zur Verfügung - klassische Beduinenzelte, ausgestattet mit Matten am Boden, Wolldecken und Kerzen. Mit Schließung der algerischen Grenze verbleiben den damaligen Nomaden zu wenige Weideflächen, sodaß sie nun versuchen, mit Hilfe des in diesem Gebiet geringen Tourismus weiter in der Wüste leben zu können. Hier wohnen auch Ali und Said, die die drei Kamele, den Esel, manchmal auch einen Hund versorgen, die kochen und auch Wüstentouren begleiten. Sie haben bereits unser Abendessen vorbereitet, wir wurden erwartet.

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