Zum Pushkarfest nach Indien.

 

Ich erinnere mich noch gut, wie wir das erste Mal ankamen in Pushkar und ich noch unbedingt den Kamelmarkt sehen wollte. Ich ging einen von einer Art Jahrmarktsbuden gesäumten Weg entlang, unterhielt mich mit jemandem und sah plötzlich rechts über die Buden hinweg langsam ansteigend die Wüste in ihren Gelb-und Brauntönen. Es waren Tausende von Kamelen zu sehen, in braun und beige perfekt abgestimmt auf die Farbe des Sandes. Und dazwischen Gruppen von Männern, stehend, zu mehreren im Kreis sitzend, beim Diskutieren, Handeln, Teetrinken, Begutachten der Kamele. Ihre prächtigen, farbigen Turbane kamen zwischen all den Naturtönen wunderbar zur Geltung. Und dann habe ich nach links geschaut und sah dasselbe Bild. Es war für mich ein überwältigender Anblick. Ich hatte nicht annähernd damit gerechnet, dass der Kamelmarkt ein derartiges Ausmaß hat. Noch oft bin ich in den folgenden Tagen dort herumgewandert, habe mich dann irgendwo hingesetzt und das Bild auf mich wirken lassen. Die Stimmung war immer wieder anders, morgens, untertags oder abends. Karawanen kamen und gingen. Frauen in ihrer bunten Kleidung sammelten den Kameldung, der nach dem Trocknen sofort als Brennmaterial zum Kochen von Tee oder Fladen verwendet wurde, gerade da, wo man im Sand eben lagerte. Kamele wurden geschmückt, entweder mit einer Schur in Ornamentform oder mit bunten Bändern. Und immer wieder Zelte als Gaststätten, wo man einen Tee trinken konnte, perfekte Beobachtungsposten.
 
Der Kamelmarkt allein wäre die Reise wert. Er bildet jedoch nur einen Teil des Pushkarfestes. Den Kern bildet das religiöse Fest zu Ehren des Gottes Brahma. Immer mehr Menschen ziehen im November in den Tagen vor Vollmond durch die Wüste nach Pushkar, das an einem künstlichen See liegt, am Fuße eines Wallfahrtsberges. Großfamilien treffen ein, die von weither wanderten oder per Bus anreisten. Die Straßen werden immer voller. Am auffallendsten sind die sehr bunten Saris der Frauen dieser Gegend. Von der Terrasse eines Dachkaffees haben wir lange zugesehen, wie sich dieser bunte Strom vorwärts
bewegte, zu den vielen Tempeln und auch zu den Ghats, den Stufen zum heiligen See, um hier die rituellen Waschungen vorzunehmen und zu beten. Auch immer mehr heilige Männer, Sadhus, ziehen ins Dorf, darunter manche vom Anblick her unvergesslich. Sadhus entsagen den weltlichen Freuden und widmen sich der Kontemplation. Sie verlassen ihre Familien auf immer, ziehen von Tempel zu Tempel und ernähren sich über Almosen. Sie schneiden ihre Haare nicht mehr, so dass einige hüftlange Rastalocken haben. Manche färben ihr Gesicht mit Asche weiß und manche sind zum Zeichen der totalen Anspruchslosigkeit unbekleidet. Sie lagern mitten im Dorf im Schatten eines riesigen Baumes, ein wirklich ungewöhnliches Bild. Andere wieder treffen sich auf einem entfernteren Grundstück am Weg rund um den See. Von dort aus hat man auch einen schönen Ausblick auf vielen Menschen an den Ghats und auf Prozessionen auf den Berg.

Natürlich wird eine solche Gelegenheit, zu der viele Menschen aus oft sehr abgelegenen Gegenden zusammenkommen, auch dazu genutzt, all das anzubieten, was man das Jahr über so braucht, wie Geschirr, Kleidung oder Materialien für die Tiere. Auch Heiler und ein Dentist waren am Arbeiten. Wenn Sie also Zahnweh bekommen: suchen Sie das am Boden ausgebreitete Tuch mit darauf ausgestellten Zangen, einzelnen Zähnen, Prothesen, Fläschchen mit Klebemittel. Ein kleiner Schemel macht es dem Kunden auch wirklich bequem...

Neben der Andacht und dem Handeln ist auch Gelegenheit für eine seltene Zerstreuung: Jahrmarktstimmung herrscht. Ein sehr großes klappriges Riesenrad tut seinen Dienst – um nichts in der Welt hätte ich mich getraut, damit zu fahren. Beim Zirkus war Mut nicht nötig. Obwohl, wenn ich mich genau erinnere: bei den Tiernummern mit "wilden" Tieren wurden lediglich einige große Gitter in den Sandboden gerammt... Die Vorstellung dauerte lange und war für uns eher einfach. Aber die Stimmung! Das begeisterte, aufmerksame Publikum hat uns wohl ebenso fasziniert wie die einzelnen Aufführungen. Am deutlichsten im Gedächtnis ist mir die Show einer Gruppe halbwüchsiger Mädchen, züchtig gekleidet in Ballettröckchen und lange Leggings, dazu weite Oberteile. Sie kletterten hintereinander graziös eine nicht sehr hohe Stufenleiter hinauf, haben sich von der Plattform oben in alle Richtungen verbeugt und stiegen auf der anderen Seite wieder hinunter...

Wir werden ca. 4 Tage auf diesem Fest verbringen und reisen schon am Tag vor dem offiziellen Beginn an. Denn es ist ein schönes Schauspiel, all die Menschen oft auf der Ladefläche von Lastwägen anreisen zu sehen und zu erleben, wie das Dorf sich füllt. Im Dorf und am Festgelände ist glücklicherweise Fahrverbot. Wir wohnen in einem kleinen Hotel mit wunderbarer Terrasse und Blick auf das Dorf und den See. Denn es ist oftmals doch angenehm, sich etwas zurückziehen zu können, bevor man wieder all die Farben, Gerüche und Laute auf sich wirken lässt. Zwei Brüder führen das Hotel, die ich nun schon seit langem kenne, es ist wie heimkommen. Narendra wird uns vielleicht wieder in das Haus seiner Eltern einladen und den prächtigen privaten Tempel mit Pilgerzellen zeigen, nun beinahe fertiggestellt. Sein Vater habe mitgeteilt, das vor einem Weiterbau am kleinen Hotel nun ein Tempel gebaut werden solle, und Wünsche der Eltern sind vorrangig.
Noch eine Antwort auf eine mehrmals gehörte Frage: nein, dies ist nicht eines dieser indischen Feste, wo Menschen dichtgedrängt feiern. Diese besuche ich nicht. Hier kommen zwar viele Menschen zusammen - es gibt auch viel Platz dafür - aber sie haben zur gleichen Zeit ganz unterschiedliche Ziele: am See beten, einen der vielen Tempel besuchen (die auch für uns geöffnet sind), essen, einkaufen, Bekannte treffen usw.

Doch nun endlich der Reihe nach. Schließlich ist das Pushkarfest nur ein Teil der Reise.

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