Varanasi (Benares).

 

Normalerweise bin ich nicht so begeistert von großen Städten, und es zieht mich rasch in ländliche Gegenden. Ich habe das Gefühl, dort näher am "Puls des Landes" zu sein. Es gibt natürlich, wie könnte es anders sein, Ausnahmen. Kathmandu zum Beispiel. Oder eben Varanasi.

Fünf Tage war ich in dieser Stadt, und ich hätte es noch länger ausgehalten. Vielleicht ist es spürbar, dass man sich in der für Hindus heiligsten aller Städte aufhält, vergleichbar mit Mekka oder Jerusalem. Das Zentrum ist natürlich der Ganges, und vielleicht haben Sie auch das bekannte Bild des Hauptghats, der Stufen ins Wasser, vor Augen mit der "Skyline" von Varanasis Uferbebauung im Hintergrund. Hierher pilgern viele Hindus, um konzentriert ein rituelles Bad im heiligen Wasser vorzunehmen. Aus Messinggefäßen oder den zur Schale geformten Händen wird das Wasser in dünnem Strahl von oben herabgegossen, es werden Blumenopfer dem Wasser übergeben, viele Menschen beten, andere nehmen die Reinigung wörtlicher und schäumen sich von Kopf bis Fuß mit Seife ein oder reiben sich mit Schlamm ab. Schwer zuzusehen ist, wenn das sehr schmutzige Wasser des Flusses zum Mundausspülen, Trinken, Zähneputzen verwendet wird, auch wenn nebenan gerade der Kadaver eines Tieres vorbeischwimmt. An die reinigende Wirkung des heiligen Wassers wird eben geglaubt. Vielleicht ist so erklärbar, dass der schon lange vorausgesagte ökologische Kollaps des Ganges immer noch nicht eingetreten ist?
Für viele Hindus ist es Ziel, hier am Ganges nach dem Tod verbrannt zu werden, denn so kann der Kreislauf der Wiedergeburt durchbrochen werden.  Alte und kranke Menschen kommen hierher und warten auf das Sterben. Am Ufer steht ein Armenhaus, und es wird gesammelt, um diesen Menschen den für die Verbrennungszeremonie nötigen Anteil an teuerem Sandelholz zur Verfügung stellen zu können. Menschen bringen oft von weither den Leichnam eines Verwandten, um ihm einen letzten, den höchsten Dienst zu erweisen. So kann man Autos durch die Stadt fahren sehen, die auf dem Dach einen Sarg festgebunden haben.

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